Diskussion: Wissenschaft für Nachhaltigkeit in Thüringen

Die Leuphana Universität ist ein kleiner Leuchtturm in Deutschland, wenn es um nachhaltige Wissenschaft geht. Dort wird nicht mehr darüber diskutiert, sondern dort wird sie seit dem Jahr 2010 gelebt: Es gibt eine ganze Fakultät „Nachhaltigkeit“, in der sich 25 Professoren mit Fragen und Problemen der Nachhaltigkeit beschäftigen. 
Diese Fakultät ist nicht mehr nach Disziplinen strukturiert, erklärt der Dekan der Fakultät, Prof. Dr. Daniel Lang, sondern nach Problemlagen: Um diese herum wurden die Fächer und die Professuren gruppiert. Vier Schwerpunkte gibt es dabei in der Nachhaltigkeitsforschung in Lüneburg: „Ökosystem-Dienstleistungen“, „Energie“, „Stoffliche Ressourcen“ und „Soziale und kulturelle Dimensionen nachhaltiger Entwicklung“. In der Lehre wird allen Studierenden das Thema Nachhaltigkeit in einem gemeinsamen Semester vermittelt: Dort geht es um die Geschichte der Wissenschaft, um ihre disziplinären Grenzen, ihre Methoden und eben auch um ihre Verantwortung, also ihre Wirkung in die Gesellschaft hinein. 
Nicht nur die Organisationsstruktur und die Studieninhalte seien nachhaltig, betont Lang, sondern auch die gesamte Universität: Die Leuphana sei eine der klimafreundlichsten Universitäten Deutschlands. Auf ihrem Dach stehen Solaranlagen, für jede Dienstreise werden als Ausgleich  CO2-Kompensationsmaßnahmen auf dem Campus ergriffen und die Stromversorgung kommt aus alternativen Stromquellen. Die Leuphana will den Campus, so Lang, als „urbanes Nachhaltigkeitslabor“ nutzen. 
Der Campus und die Fakultät der Leuphana-Universität könnten damit auch „Reallabore“ sein. Als Reallabore wird ein neues Konzept der nachhaltigen Forschung verstanden, in dem sich Forscher mit gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen auseinandersetzen und diese transdisziplinär und praxisorientiert bearbeiten. In Baden-Württemberg wurde von der grün-roten Landesregierung gerade eine Förderung dieser Reallabore ausgeschrieben. Mögliche Themen der Reallabore könnten laut der Ausschreibung sein: „Demografischer Wandel und Versorgung“, „Zukunft nachhaltiger Mobilität“, „Energieautarkie im ländlichen Raum“ oder „Nachhaltiges Wirtschaften in mittelständischen Unternehmen“. Insgesamt 5 Millionen Euro will das Land Baden-Württemberg als Anschubfinanzierung in die Entwicklung solcher Reallabore investieren.

Doch wie steht es in Anbetracht dieser Entwicklungen in anderen Bundesländern um die Förderung von nachhaltiger Wissenschaft in Thüringen? Befindet sich dort im Gegensatz zum Leuchtturm noch ein schwarzes Loch in der Nachhaltigkeitsforschung? 
Thüringen brauche sich nicht zu verstecken, wenn es um Nachhaltigkeit ginge, erklärte Bernd Ebersold, Leiter der Abteilung „Forschung und wissenschaftliche Infrastruktur“ im Thüringer Ministerium für Bildung, Wissenschaft und Kultur. Thüringen habe die UN-Dekade „Bildung für nachhaltige Entwicklung“ sehr gut umgesetzt: Nach neun Jahren konnte die Dekade abgeschlossen werden, weil alle Ziele bereits erreicht waren. Zudem wurde bereits im Jahr 2009 ein Thüringer Nachhaltigkeitsbeirat eingesetzt. Dieser Beirat habe in einem thüringenweiten Konsultations- und Dialogprozess eine Nachhaltigkeitsstrategie für Thüringen entwickelt, die im Jahr 2011 vom Landtag verabschiedet wurde. 
Gerade da liege jedoch das Problem, widersprach die grüne Landtagsabgeordnete Anja Siegesmund: „In Thüringen gebe es zwar viele Papiere zur Nachhaltigkeit, aber sie hat nicht den Stellenwert bei der Landesregierung, den sie bräuchte.“ Man müsse darüber reden, wie all die hehren Beschlüsse in Thüringen umgesetzt werden können, findet auch Tilo Kummer, der umweltpolitische Sprecher der Thüringer Linkspartei. Ein Grundproblem in Thüringen sei dabei, dass der Nachhaltigkeitsbeirat nicht bei der Staatskanzlei angegliedert wurde, sondern im Umweltministerium. Auf diese Weise wurde Nachhaltigkeit zu einer reinen Frage der Umweltpolitik. Nachhaltigkeit sei aber eine grundlegende Aufgabe, die alle Ressorts betreffe. 
Younes Ouaqasse, Landesvorsitzender des Rings Christlich-Demokratischer Studenten in Thüringen, widersprach Kummer. Es stimme schon, dass der Nachhaltigkeitsbeirat irgendwo zwischen den Ministerien herumschwirre. Aber dass nichts umgesetzt werde, stimme nicht. Es wurde von der Landesregierung vielmehr geprüft, was finanziell und zeitlich umsetzbar sei und was nicht. Deshalb seien bestimmte Projekte noch nicht umgesetzt worden. 
An den finanziellen Fragen müsse die Umsetzung von Nachhaltigkeit jedoch nicht scheitern, konterte Anja Siegesmund. Es gebe viele Beispiele für nachhaltiges politisches Handeln, die sehr einfach umsetzbar seien und nur geringe Kosten verursachen würden. Das Problem des Flächenverbrauchs könnte so beispielsweise behandelt werden. Der Flächenverbrauch in Thüringen würde deutlich reduziert werden, wenn sich die Flächennutzung des Landes an nachhaltigen Zielen orientieren würde. In diesem Fall müsste nur die Planung geändert werden. 
„Bei der Förderung von Nachhaltigkeit geht es nicht um Zahlen, sondern um eine Haltung“, fasste Siegesmund ihre Position zusammen. Und diese Haltung stimme bei der Landesregierung nicht. So werde auch die nachhaltige Wissenschaft in Thüringen nicht gefördert: An der FH Jena habe es beispielsweise einen Studiengang "Photovoltaik und Halbleitertechnologie" gegeben. Dieser erreichte vor einigen Jahren einen Höhepunkt an Einschreibungen, durch die Umsteuerung in der Bundespolitik sei das Interesse daran in den letzten fünf Jahren jedoch stark zurückgegangen. Dieser Studiengang werde nun nicht weiter unterstützt, obwohl die langfristige Erforschung nachhaltiger Themen für die Gesellschaft überlebensnotwendig sei. Daher stelle sich für Siegesmund die Frage, wie die Politik die nachhaltige Wissenschaft steuere.
Ebersold stellte zunächst einmal ganz grundlegend die Frage, ob nachhaltige Wissenschaft nicht nur „alter Wein in neuen Schläuchen“ sei. In seinen Augen gebe es eine lange Historie, in der sich Wis-senschaft mit Fragen der Verantwortung auseinandergesetzt habe: Vom Kantschen Kategorischen Imperativ, der für alle Menschen und damit auch für Wissenschaftler gelte, bis zum „Prinzip Verant-wortung“ von Hans Joas. 
Aber Ebersold stimmte Siegesmund auch zu, dass der Staat eine größere Steuerungsverantwortung als die Wissenschaft habe. Die Wissenschaft sei zwar eingebettet in Top-Down-Förderstrukturen, aber entscheide auch nach wissenschaftsimmanenten Kriterien, was sie erforsche. Dabei sei es auch nicht so, dass die gegenwärtige Wissenschaft Themen, wie beispielsweise die Bedrohung der Artenvielfalt, nicht beforsche. Man könnte zu allen Forschungsbereichen, die von einer nachhaltigen Wissenschaft erwartet werden, interdisziplinäre DFG-Projekte oder Sonderforschungsbereiche nennen, die genau diese Themen erforschen. Doch das ist, in Ebersolds Augen, keine Antwort. Die Erforschung dieser Themen sei vielmehr eine gesellschaftliche Daueraufgabe und könne nicht nur einmal bearbeitet werden. Allerdings müsse man auch die Logik der wissenschaftlichen Bearbeitung von Themen berücksichtigen. Die Bürger müssten verstehen, wie Wissenschaft arbeitet und welche Fragen sie lösen kann. Viele Fragen sollten zudem nicht nur an die Wissenschaft adressiert werden. 
Tilo Kummer stellte allerdings auch grundsätzlich infrage, inwieweit die Wissenschaft gegenwärtig überhaupt so organisiert sei, dass sie langfristige gesellschaftliche Probleme erforschen könne. Die Beschäftigungsverhältnisse in der Wissenschaft seien oft nur sehr kurzfristig: Mehr als 80 Prozent der Nachwuchswissenschaftler haben nur befristete Verträge. Wie soll ein Wissenschaftler ein nachhaltiges langfristiges Thema erforschen können, wenn er immer nur Zwei-Jahres-Verträge bekommt? „Die Zukunftsfragen brauchen Zeit und nicht den engen Horizont des Wissenschaftssystems.“