Emma und die Baumparade

Ein Spaziergang im Steigerwald mit Försterin Uta Krispin und der Heinrich-Böll-Stiftung am 26.1.2022

 

Braune Hündin

„Gehen wir los“, sagt Uta Krispin zum wiederholten Male. „Emma will laufen.“ Schon seit einiger Zeit zerrt die Labrador-Hündin an der Leine. Ihr Blick streift sehnsuchtsvoll den selbst im Winter verlockend duftenden Eichen-Buchen-Wald, der sich hinterm Thüringer Innenministerium hangaufwärts erstreckt. Doch die wissbegierigen Zweibeiner löchern Frauchen mit Fragen. Wie haben die Bäume die Trockenjahre verkraftet? Welche klimaresistenten Arten werden hier gepflanzt? Wie kriegt man in einem stadtnahen Wald wie diesem Naturschutz, Bewirtschaftung und Erholung unter einen Hut?

   Die Steigerwald-Försterin trägt weder Mütze noch Handschuhe. Während wir vor Kälte zu zittern beginnen, steht sie mit offener Jacke im Wind. Wenigstens hat sie sich einen Schal umgeschlungen. Wir, Mitarbeiter und Freunde der Thüringer Heinrich-Böll-Stiftung, wollen uns über nachhaltige Waldwirtschaft informieren. Endlich setzt sich unser Trupp in Bewegung. Wir folgen Emma.

   Es geht bergan, und schon auf den ersten Metern spürt man: Der „Steiger“ ist ein beliebter Bürgerwald. Rührige Erfurter haben schon im 19. Jahrhundert Steinstufen, Promenaden und an Aussichtspunkten Plattformen angelegt. Der „Domblick“ zum Beispiel muss nur hin und wieder freigeschnitten werden. Was auffällt: Immer wieder „Corona-Hütten“ – ein Zeichen, dass in Pandemiezeiten mehr Familien in den Wald gehen und dort mit den Kindern aus herumliegenden Ästen Behausungen bauen. Und selbst eine halb verwitterte Wald-Bibliothek wartet auf uns. Auf einem Brett zwischen Bäumen stehen Holzbücher: Peter Wohlleben und Max Frisch wurde in deren Rücken eingebrannt. Ein Werk von Heinrich Böll fehlt noch in der Sammlung…

   Angesichts der sich wacker haltenden Baumbestände spricht Krispin von einem Geschenk, dass sie vom Vorgänger übernommen hat und möglichst unversehrt an ihre Nachfolger weiterreichen will. In Zeiten des Klimawandels eine wachsende Herausforderung. Auch hier leiden vor allem ältere Bäume unter der jahrelangen Trockenheit, stoßen ihre Feinwurzeln ab und sterben. Trotzdem ist die Försterin optimistisch: „Wir haben einen bunten Mischwald, der von der Eiche dominiert und seit 250 Jahren bewirtschaftet wird. Viele Arten und Altersstufen auf der Fläche, das sorgt für Stabilität.“ Allerdings könne man nicht mehr von Stetigkeit sprechen. Auch in der Politik wird diese immer wieder ausgehebelt. „Wir wünschen uns Verlässlichkeit, strukturell, finanziell und personell“, betont Krispin. Was forstwirtschaftlich nicht bewältigt werde, forciere letztlich auch den Unmut unter den Spaziergängern. Die Försterin erklärt den Leuten die Lage und versucht, ihnen die Augen für die Schönheiten des Waldes zu öffnen.

   Ja, der Steigerwald ist schön, selbst an diesem kalten, grauen Januartag! Emma nimmt lustvoll die Baumparade ab. Da stehen rechts und links des Weges wie die Soldaten preußische Eichen in Reih und Glied, werden von Buche, Bergahorn, Esche, Ulme und Wildkirsche eskortiert, überdauert auf einem alten Versuchsgelände eine Hundertschaft Douglasien. Und es gibt noch weitere Exoten… Die Familien-Jagdhündin kann es kaum erwarten, uns am einstigen Forstgarten nach „Amerika“ zu führen, wo die nordamerikanische Schwarznuss, Roteiche und Hickory ausharren, letztere himmelhoch mit schuppigen, astfreien Stämmen. Zunehmend, erklärt Krispin, pflanze man auch die klimaresistente Zerreiche, die sich schlecht sägen lasse – „vermarktungstechnisch ein Desaster“.

   „Halt, Emma!“ Die Steigerwald-Försterin stoppt und geht um einen dicken Baum herum. Streicht mit der Hand über die Rinde, erfreut sich an seinem Wuchs und seinen Früchten. Mustert die Sträucher in der Umgebung und klappert, während wir unsere Eis-Hände tief in den Taschen vergraben, fröhlich mit der „Pimpernuss“.

   2020 wurde Uta Krispin zur Försterin des Jahres gewählt. Weil sie nicht nur ihre Aufgaben erfüllt, sondern auch die Geschichte des Waldes in Geschichten vermittelt – anschaulich, lebendig, naturnah. Sie managt den Wildladen am Forstamt Willrode, organisiert Musikfestivals und ist ehrenamtlich im Umweltschutz unterwegs. Doch sei es nicht immer leicht, ein Revier zu betreuen, das den Erfurtern quasi zu Füßen liegt, räumt die Forstfrau am Ende unseres Rundgangs ein. Besonders wenn die Winter zu milde ausfallen. Wir schauen auf Emmas Pfoten und unsere Füße. Oh je! An frostfreien Tagen weichen die Böden auf, sinken nicht nur die Maschinen ein. Ein forstliches Handicap in der Haupterntezeit! Und Spaziergänger, die wie wir knöcheltief durch Morast waten, beginnen zu fluchen: Frau Krispin, wie sieht der Wald wieder aus!

Frank Quilitzsch